Susan Philipsz im Kunstverein Hannover

Der Kunstverein Hannover präsentiert unter der Leitung von Direktorin Kathleen Rahn und Kuratorin Ute Stuffer zum Abschluss des Jahres 2016 mit der Ausstellung »Returning« von Susan Philipsz ein richtiges Highlight.

Susan Philipsz ist mit ihren Sound-Installationen bekannt geworden, zu ihrem Repertoire gehören aber auch Filme, Fotografien und Gemälde. Die 1965 im schottischen Glasgow geborene Bildhauerin untersucht in ihrem Werk das Wechselspiel zwischen Klängen und Orten. Im Raum positionierte Lautsprecher geben ihren Klangkunstwerken eine visuelle und skulpturale Präsenz. Die derzeit in Berlin lebende Künstlerin gewann 2010 den renommierten Turner Prize für ihre 3-Kanal-Klanginstallation »Lowlands«, in der sie drei unterschiedliche Versionen des traditionellen schottischen Liedes „Lowlands Away“ sing. 2012 war sie mit der Arbeit »Study for Strings« auf der 13. dOCUMENTA in Kassel vertreten. Die Arbeit wurde 2013 Teil der Gruppenausstellung »Soundings: A Contemporary Score« im Museum of Modern Art in New York, in der 16 der innovativsten zeitgenössischen Klangkünstler zu sehen waren.

»Returning«, Ausstellung im Kunstverein Hannover vom 10.12.2016 - 26.02.2017

Zu zweit und zu dritt auf kleinen Podesten arrangierte Orgelpfeifen und einige Fotografien bilden den Auftakt der Ausstellung im ersten Raum der Ausstellung. Schnell locken einen jedoch die sphärischen und schwebende Klänge in den ersten großen Saal des Rundgangs im Kunstverein Hannover. Dort entpuppen sich die fragilen und melancholischen Klänge als die Komposition »Lachrimae or Seven Tears« (1604) von John Dowland - eine Variation über die Vergänglichkeit des Glücks. Die Töne stammen von 7 Vinylschallplatten, die jeweils von einem auf einem weißen Podest stehenden Plattenspieler abgespielt werden und die zusammen mit den dazugehörigen Lautsprechern die Installation „7 Tears“ bilden .

Auf jeder der Schallplatten ist einer von sieben Tönen konserviert, die Philipsz mit Hilfe von mit Wasser gefüllten Weingläsern erzeugt hat. Zusammen spielen die sieben Plattenspieler die Töne an der Stelle ab, in der sie in der Originalkomposition vorgesehen sind. Das Ergebnis ist ein Wehklagen, ein Rufen des Abhandengekommenen, Klänge von poetischer Melancholie, in die es einzutauchen gilt. Damit einem dies gelingt, muss man schon etwas Zeit mitbringen.

Die von Susan Philipsz in der Installation »7 Tears« erstmalig verwendeten Vinylschallplatten sind ihre Referenz an die Erfindung der Schallplatte durch Emil Berliner. Als Sohn jüdischer Kaufleute gründete dieser 1898 in seiner Heimatstadt Hannover zusammen mit seinem Bruder Josef die »Deutsche Grammophon Gesellschaft« und machte damit die Schallplatte zum Massenmedium. Emil Berliner ermöglichte so erstmalig die Reproduktion von Tonaufnahmen im großen Stil und schuf damit nicht zuletzt die Grundlage für die künstlerische Arbeit von Susan Philipsz.

Einen kleine Leinwand, grau bemalt, mit einem abstrakten Motiv, dass wie Schneeflocken wirkt, wie ein Blick nach draußen durch ein Fenster auf einen zugefrorenen See, komplettiert diesen Saal.

Rufende, suchende, im Raum wandelnde Klänge und vereinzelte Geräusche dringen aus den 6 weißen Lautsprechern, mit denen der große Saal nebenan bestückt ist. »The Bellows Wake« nennt Susan Philipsz diese Installation. Die hier zu hörenden Klänge stammen von einer Synagogenorgel, die im Jahr 1896 gebaut wurde und die die Reichskristallnacht überstanden hat. Hier klingt das Interesse der Künstlerin an versehrten Musikinstrumenten aus den Lautsprechern. Dieser große Saal ist genau der richtige Raum, um sich ganz der Wirkung des Klanges zu überlassen.

Die beiden Klanginstallationen in den großen Sälen machen sich erstaunlicherweise keine Konkurrenz. Beim Wandeln zwischen den Räume gehen die Klänge ineinander über und bilden eine Einheit. Man muss etwas Zeit mitbringen, um in diese Arbeiten einzutauchen und diese Klangwelten in sich aufzunehmen.

Im anschließenden Raum hängen zwei aus dem fahrenden Zug aufgenommen Fotografien, leicht verwackelt. Sie zeigen Stromleitungen, die dunkle Wolken durchschneiden. Im vorletzten Raum springt beim Betreten ein Projektor mit dem Super 8 Film »Returning« aus dem Jahr 2008 an. Es ist eine Standaufnahme in einem winterlichen Park. Unterschiedliche Personen gehen spazieren, joggen, Hunde laufen durch das Bild.

Das künstlerische Interesse von Susan Philipsz kreist immer wieder um das jüdische Leben in Deutschland. Dieses Thema manifestiert sich besonders in ihrem Interesse an kaputten und im Krieg oder durch sonstige Gewalteinwirkung beschädigten Musikinstrumenten. Besonders deutlich wird dieses Interesse im letzten Raum des Kunstvereins, in dem Susan Philipsz eine Arbeit aus ihrer im Jahr 2013 begonnen Serie »War Damaged Musical Instruments« präsentiert, die jeweils aus einer Tonaufnahme und dazugehörigen Fotografien bestehen.

In diesem Fall handelt es sich um ein Schofar, ein Instrument, das im Judentum für rituelle Zeremonien verwendet wird und meist aus dem Horn eines Widders gefertigt ist. Dieses Instrument hat den zweiten Weltkrieg unter einem Kohlenhaufen versteckt überstanden, wenngleich nicht ganz unbeschädigt. Seitdem wird es in der Sammlung des Center for World Music in Hildesheim verwahrt. Ein Foto zeigt den Schofar, der aus dem Besitz einer jüdischen Familie aus Hannover stammt und ansonsten nur durch die sehr feinen und leisen Klänge präsent ist, die auf ihm erzeugt wurden. Diese metaphysischen Töne kommen aus einem großen, an der Decke angebrachten Lautsprecher. Oft ist dabei nur noch der Atem des Musikers zu vernehmen, der versucht dem beschädigten Instrument noch einen Klang zu entlocken. Das Resultat ist poetisch und melancholisch und zugleich beruhigend. Es klingt zuweilen auch verloren wie ein Walgesang in den unendlichen Tiefen im Meer des Vergessens, leise erinnernd an die ehemaligen Besitzer des Instruments, die den Holocaust nicht überlebt haben. Die Arbeit wird ab März 2017 auch im Hamburger Bahnhof in Berlin zu sehen sein, wo Susan Philipsz bereits 2014 mit der Ausstellung »Part File Score« zu sehen war.

Klanginstallationen und Arbeiten mit Tönen im Allgemeinen sind in der bildenden Kunst stark unterrepräsentiert. Susan Philipsz besetzt damit eine Nische. Im Kunstverein Hannover gelingt ihr ein wunderbares Ausstellungsprojekt, buchstäblich voller leiser Töne.

Ein Künstlergespräch mit Susan Philipsz in den Räumen des Kunstvereins Hannover ist am Mittwoch, den 1. Februar 2017 von 19.00–21.00 Uhr geplant.

Update

Das Künstlergespräch ist aus Krankheitsgründen auf Freitag, den 10. Februar 2017, um 17.00 Uhr verschoben worden.

Der Kunstverein Hannover hat einen Videorundgang mit Susan Philipsz durch die Ausstellung veröffentlicht: https://vimeo.com/198825881

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